Der lange Weg zur diplomatischen Anerkennung
Mitte der 1950er-Jahre erkannte Israel, dass die Bundesrepublik Deutschland ihre Verpflichtungen aus der „Wiedergutmachung“ verlässlich erfüllte. Gleichzeitig gelang es Israel nicht, seine Isolation im Nahen Osten zu überwinden. So keimte in israelischen Regierungskreisen der Wunsch auf, Beziehungen außerhalb der arabischen Welt zu vertiefen. 1957 forderte David Ben-Gurion die Bundesregierung erstmals auf, „normale diplomatische Beziehungen“ zu Israel aufzunehmen. Die Bundesrepublik zögerte, sah sie doch ihren Anspruch, ganz Deutschland vertreten zu wollen, in Gefahr. Jedem Staat, der die DDR völkerrechtlich anerkennen wollte, drohte die Bundesregierung mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen. Diese nach dem amtierenden Staatssekretär im Auswärtigen Amt benannte Hallstein-Doktrin ließ eine Aufnahme offizieller Beziehungen zu Israel als unvereinbar mit den deutschlandpolitischen Interessen der Bundesrepublik erscheinen, denn die arabischen Staaten hatten erklärt, das gute Verhältnis zur Bundesrepublik einfrieren und die DDR diplomatisch anerkennen zu wollen, sollte die Bundesregierung diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen. Als Ausweg nahmen Bonn und Jerusalem geheime Verhandlungen über eine militärische Zusammenarbeit auf. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und Staatssekretär Shimon Peres verabredeten Ende 1957 unter vier Augen erste Rüstungslieferungen („Panzer statt Diplomaten“).
Als sich Ben-Gurion und Adenauer 1960 in New York zum ersten Mal begegneten, widersetzte sich der Kanzler erneut dem Wunsch nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Zum Ausgleich verabredeten beide Politiker eine Verstetigung deutscher Wirtschaftshilfen und Rüstungslieferungen.
Die arabischen Staaten konnten sicher sein, dass die Bundesregierung keine offiziellen Beziehungen zu Israel aufnahm, solange sie die DDR nicht anerkannten. Diesen Kausalzusammenhang mochten Teile der deutschen Öffentlichkeit bald nicht länger hinnehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund startete im Oktober 1964 eine Unterschriften-Kampagne für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Als Medien daraufhin die deutschen Waffenlieferungen an Israel enthüllten, war die Empörung über den diskreten Rüstungsdeal groß, denn dieser hatte jahrelang als verborgenes Trostpflaster für die diplomatische Missachtung des jüdischen Staates gedient.
Ägyptens Staatspräsident Gamal Abdel Nasser reagierte auf die deutsche Militärhilfe für Israel auf seine Art und empfing im Februar 1965 den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zum Staatsbesuch. Spätestens jetzt war der westdeutsche Alleinvertretungsanspruch nicht mehr haltbar – und der Weg für eine diplomatische „Normalisierung“ frei. Am 12. Mai 1965 vereinbarten Bundeskanzler Ludwig Erhard und Ministerpräsident Levi Eshkol den Austausch von Botschaftern. Israel berief den in Wien geborenen Diplomaten Asher Ben-Natan zu seinem ersten Botschafter in Bonn; die Bundesrepublik entsandte den Diplomaten Rolf Pauls nach Israel. Pauls, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, war zu Beginn wütenden Protesten links- und rechtsgerichteter Israelis ausgesetzt, die er umsichtig meisterte. So wurde der deutsche Botschafter „mit Steinen empfangen“, doch am Ende „mit Rosen verabschiedet“. Auf vielen Feldern entwickelten sich die deutsch-israelischen Beziehungen bald in bemerkenswerter Weise.
