Grußwort des Präsidenten Volker Beck

Chaverim ve-Chaverot,
liebe Freundinnen und Freunde Israels,

sechzig Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) sind ein Grund zum Feiern. Sie sind aber auch ein Anlass, sich zu vergewissern, warum und wofür es unsere Gesellschaft gibt und welche politische Aufgabe und Verantwortung aus ihrer Geschichte erwächst.

Die DIG wurde 1966 in einem Deutschland gegründet, dessen demokratischer Neubeginn noch jung war. Die Shoah lag kaum zwei Jahrzehnte zurück, das Luxemburger Abkommen war gerade 13 Jahre zuvor beschlossen worden, diplomatische Beziehungen zu Israel bestanden erst seit einem Jahr. Wer sich damals für Israel engagierte, setzte damit auch ein Zeichen dafür, welches Deutschland nach Nationalsozialismus und Vernichtung der europäischen Juden entstehen sollte. Die Beziehung zum jüdischen Staat war von Anfang an mehr als Außenpolitik. Sie berührte eine Grundfrage der deutschen Demokratie: Welche Konsequenzen zieht Deutschland aus seiner Geschichte?

Dass sich in der DIG Menschen unterschiedlicher Parteien und gesellschaftlicher Milieus, aus Gewerkschaften, Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften zusammenschlossen, war alles andere als selbstverständlich. Ihre politischen Ansichten unterschieden sich teilweise erheblich. Gemeinsam war ihnen die Überzeugung, dass Israel in Deutschland Freunde und Fürsprecher braucht und dass die Beziehungen zwischen beiden Gesellschaften nicht allein Regierungen und Diplomaten überlassen werden dürfen.

Diese Überzeugung musste sich früh bewähren. Während des Sechstagekrieges wurde aus Freundschaft praktische Solidarität. Zugleich begann die DIG, Austausch und Begegnung dauerhaft zu verankern – zwischen Jugendlichen, Lehrkräften, Wissenschaftlern, Parlamentariern und vielen anderen. Sie war damit von Anfang an beides: eine Stimme für Israel und eine Brücke zwischen zwei Gesellschaften.

Gerade diese doppelte Rolle hat immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt. Wie verhält sich Solidarität zu Kritik? Wie weit darf und soll sich eine deutsche Freundschaftsgesellschaft in israelische Debatten einmischen oder dazu Stellung beziehen? Und wo wird die Forderung nach „Ausgewogenheit“ zum Vorwand, um sich von Israel zu distanzieren? In den 1970er-Jahren führten solche Konflikte bis zur Spaltung der DIG. Sie zeigen, dass Israel-Solidarität nie eine unpolitische Wohlfühlformel war. Sie verlangt Haltung und zugleich die Bereitschaft, unterschiedliche Auffassungen auszuhalten.

Über sechs Jahrzehnte hat sich daraus ein Selbstverständnis entwickelt, das weder gedankenlose Zustimmung noch deutsche Besserwisserei meint. Die DIG steht zur zionistischen Idee und damit an der Seite des jüdischen und demokratischen Staates Israel, unabhängig von der jeweiligen Regierung. Sie sucht die Verbindung zu einer vielfältigen und streitbaren israelischen Gesellschaft und hält zugleich daran fest, dass Israels Existenz und Sicherheit nicht politisch zur Disposition gestellt werden dürfen.

Deutschland und Israel haben sich seit 1966 grundlegend verändert. Austausch, wissenschaftliche Kooperationen, Städtepartnerschaften und persönliche Freundschaften sind heute selbstverständlich in einer Weise, die sich die Gründergeneration kaum vorstellen konnte. Gleichzeitig haben sich auf manchen Feldern die Vorzeichen der Kooperation umgekehrt. Waren Lieferungen, auch Waffenlieferungen, aus Deutschland für die Sicherheit des jüdischen Staates in den frühen Jahren wichtig, ist die Zukunft der deutschen Verteidigung auf israelische Sicherheitstechnologie angewiesen.

Trotzdem wäre es falsch, aus dieser Erfolgsgeschichte eine Geschichte der Normalisierung zu machen. Die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel kann nicht einfach eine Beziehung wie jede andere werden. Das Eintreten für die Sicherheit und Existenz gehört wie die Westbindung und die europäische Integration zu den normativen Grundlagen deutscher Außenpolitik. Sie sind bundesdeutsche Staatsräson. Denn: Historische Verantwortung muss politische Folgen haben – gerade dann, wenn diese unbequem sind, und darf sich nicht in Ritualen bei Gedenktagen erschöpfen.

Das gilt heute umso mehr, da Israel nicht nur mit politischer Ablehnung, sondern mit konkreten existenziellen Bedrohungen konfrontiert ist. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat auf grausamste Weise gezeigt, wohin der Vernichtungswille gegenüber Israel führen kann. Im Norden bedrohen die vom Iran unterstützten Terrorstrukturen Israel seit Jahren mit einem gewaltigen Raketenarsenal. Das Regime in Teheran finanziert und bewaffnet seine Stellvertreter in der Region, bedroht Israel offen und verfolgt zugleich ein Atomprogramm, dessen militärische Dimension nicht ausgeblendet werden darf. Hinzu kommen Versuche, Israel international zu isolieren und sein Recht auf Selbstverteidigung politisch immer weiter infrage zu stellen und einzuschränken.

Gerade Deutschland muss sich deshalb fragen lassen, was die vielfach beschworene besondere Verantwortung für Israels Sicherheit ganz praktisch bedeutet. Wer Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson erklärt, muss auch bereit sein, daraus Konsequenzen zu ziehen – gegenüber dem iranischen Regime und seinen Proxys, in den Vereinten Nationen, in der europäischen Politik und dort, wo Israel gegen Terror und Vernichtungsdrohungen sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt.

Zugleich hat der 7. Oktober auch in Deutschland etwas sichtbar gemacht, das viele nicht wahrhaben wollten. Antisemitismus und Feindschaft gegenüber Israel sind keine überwundenen Phänomene. Auf unseren Straßen, an Hochschulen, im Kulturbetrieb und in den sozialen Medien werden antisemitische Ressentiments und die Delegitimierung Israels mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien. Umso problematischer ist es, wenn ausgerechnet in dieser Situation die Bereitschaft wächst, Israels Sicherheit zu relativieren oder vom jüdischen Staat Maßstäbe zu verlangen, die gegenüber seinen Feinden nicht gelten.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft ist die größte deutsche Organisation, die sich um Beziehungen zur israelischen Gesellschaft und zum israelischen Staat kümmert. Unsere große Stärke ist unsere Arbeit in der Fläche, also die Arbeit unserer Mitglieder in über 60 Arbeitsgemeinschaften im ganzen Land. Dass seit dem 7. Oktober Tausende Menschen der DIG beigetreten sind und wir im Jubiläumsjahr erstmals mehr als 10.000 Mitglieder zählen, verändert deshalb auch unseren eigenen Anspruch. Dieses Wachstum ist kein Anlass, uns zurückzulehnen. Eine größere DIG muss auch eine stärkere Stimme sein: für den Austausch zwischen Deutschen und Israelis, für Wissen und Aufklärung über Israel, für Engagement gegen Antisemitismus und gegen die Delegitimierung des jüdischen Staates. Wir müssen gerade dann hörbar sein, wenn die deutsch-israelische Freundschaft politisch unbequem wird.

Die Geschichte der DIG zeigt, dass diese Beziehung immer erarbeitet werden musste, Verbindungen nie von selbst entstanden sind und auch nicht von selbst fortbestehen. Die Freundschaft zwischen unseren Gesellschaften lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, Verbindungen schaffen und bereit sind, öffentlich Haltung zu zeigen. Diese Broschüre erzählt von denjenigen, die das in sechs Jahrzehnten getan haben – von der Gründergeneration ebenso wie von den Mitgliedern unserer Arbeitsgemeinschaften, dem Jungen Forum, den hauptamtlich Beschäftigten und den vielen Ehrenamtlichen, die die DIG getragen und geprägt haben.

Ihnen allen gilt mein Dank. Die vergangenen sechzig Jahre sind für uns Verpflichtung für die Zukunft: dafür zu sorgen, dass Deutschland ein verlässlicher Partner Israels bleibt und dass die Solidarität mit Israel auch in den kommenden Jahrzehnten in diesem Land eine starke Stimme hat.

Masal tov zum 60. Geburtstag.

Ad 120, auf die nächsten 60 Jahre!

Ihr
Volker Beck
Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft