
„Wann, wenn nicht jetzt?
Wer, wenn nicht wir?“
Vor 60 Jahren riefen engagierte Menschen aus Politik, Kirchen und Gewerkschaften die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) ins Leben. Die juristische Gründungsversammlung am 21. März 1966 fand in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn statt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zum ersten Präsidenten der DIG wurde der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerhard Jahn gewählt; Stellvertreter wurden der Theologe Rolf Rendtorff (SPD), der Bundestagsabgeordnete Ernst Benda (CDU) sowie der Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach (SPD). Bis zur öffentlichen Gründungsveranstaltung am 19. Mai 1966 in der West-Berliner Akademie der Künste diente Jahns Bundestagsbüro als provisorische Geschäftsstelle.
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Wie alles begann
Vorgeschichte bis Anfang 1966
Nach dem Grauen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sah eine Minderheit demokratisch gesinnter Persönlichkeiten ihre historisch-politische und moralische Bewährungsprobe gekommen. Ihnen, die biografisch nicht selten christliche oder jüdische Wurzeln hatten, war bewusst, dass die Aufnahme und Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu Israel und seinen Menschen Wesenskerne eines runderneuerten Deutschlands sein mussten.
Wer allerdings wann und wo in jahrelanger Vorbereitung entscheidende Bausteine zur Entstehung der DIG geliefert hat, darüber zirkulieren unterschiedliche Erzählungen. Doch die Archive der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sowie aktuelle Forschungsbeiträge zur Frühgeschichte der deutsch-israelischen Beziehungen bieten uns unverstellte Einblicke in eine Entwicklungsdynamik, die ebenso facettenreich wie komplex ist.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Vorgeschichte
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1966–1975
Dekade 1: Gründungs- und Aufbaujahre
Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel im Mai 1965 gelang es einer Reihe engagierter Israel-Aktivistinnen und Aktivisten, die zumeist sozialdemokratischen und christlichen Milieus entstammten, Menschen unterschiedlichster Herkünfte und Überzeugungen zusammenzubringen. Die Akteurinnen und Akteure der ersten Stunde verband eine Verbundenheit mit dem zionistischen Aufbauwerk im jungen demokratischen Staat Israel, die sonstige Unterschiede in den Hintergrund treten ließ. Binnen weniger Jahre schufen sie eine weitgefächerte und kampagnenfähige „Freundschaftsliga“, die besonders während und nach dem Sechstagekrieg von 1967 eine große gesellschaftliche Resonanz erzielte. Überschattet wurden die hoffnungsfrohen Aufbau- und Kampagnenjahre ab 1973 von einem zunehmenden Ringen um den „richtigen“ israelpolitischen Kurs der Organisation.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Dekade 1
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1976–1985
Dekade 2: Krise und Neubesinnung
Zu Beginn der Dekade eskalierte der Richtungsstreit in der DIG um das Recht auf öffentliche Israelkritik, als der rechtskonservative Likud-Block erstmals einen Wahlsieg errungen hatte. Politische Konflikte, die mit menschlichen Spannungen einhergingen, führten 1977 zu einer Spaltung der Organisation. Nach der Trennung der rivalisierenden Flügel gelang ein personeller und struktureller Neuanfang – ehemalige Rivalen fanden zu einer pragmatischen Arbeitsbeziehung zurück. Die DIG begriff sich nach wie vor als eine überparteiliche Freundschaftsgesellschaft mit einem eigenständigen israelpolitischen Profil.
Inmitten dramatischer Veränderungen auf nahöstlicher Bühne, aber auch in den deutsch-israelischen Beziehungen musste sich jetzt wieder die alltägliche deutsch-israelische Beziehungspflege bewähren. Dabei bewies die DIG neue Kampagnenfähigkeit, entwickelte Strategien zur Bewältigung innerer und äußerer Krisen, legte Grundlagen für eine eigenständige Jugendarbeit und entwickelte Beziehungen zur israelischen Schwesterorganisation IDG sowie zu den Freundschaftsgesellschaften in Österreich und der Schweiz. 1985 war die Organisation trotz zeitweiser Rückgänge auf 23 AGs und 2.300 Mitglieder angewachsen.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Dekade 2
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1986–1995
Dekade 3: Zwischen Hoffen und Bangen
Die dritte Dekade stand im Zeichen von Konsolidierung und Krisenbewältigung. Angesichts nur mühsam überwundener Finanznöte besann sich die DIG auf die Kernanliegen ihrer Israel-Solidarität. Frischen Wind in die Organisation brachte die Gründung eines bundesweiten Jugendforums. Ende 1990 erschien erstmals eine Ausgabe der noch heute existierenden Mitgliederzeitschrift „DIG-Magazin“.
Der Mauerfall von 1989 und die deutsche „Wiedervereinigung“ wirbelten die DIG gehörig auf. Eifrige Aktivistinnen und Aktivisten nutzten die Chance, Arbeitsgemeinschaften auch im Osten zu gründen. 1995 war die DIG an 44 Standorten vertreten und durchbrach kurz die Schallmauer von 5.000 Mitgliedern.
Der Osloer Friedensprozess zwischen Israel und der PLO schuf 1993 Raum für friedenspolitische Aktionsformen und Bündnisse, wie sie zuvor undenkbar gewesen waren. Als der Friedensprozess Ende 1995 immer mehr ins Schlingern geriet, ließen sich beherzte DIG-Mitglieder nicht davon abhalten, den unvollendet gebliebenen Weg des Friedens weiter zu unterstützen.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Dekade 3
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1996–2005
Dekade 4: Bewährungsjahre
Der Niedergang des nahöstlichen Friedensprozesses, der Ausbruch der Zweiten Intifada und eine zunehmend israelfeindliche Stimmungslage setzten der DIG zu Beginn ihrer vierten Dekade hart zu. Angesichts antisemitischer Begleitumstände rief das Präsidium die Medien zu einer fairen Berichterstattung auf. Ohne sich in pauschaler Medienschelte und unkritischem Lobbyismus zu verlieren, konfrontierten ehrenamtliche Aktivistinnen und Aktivisten die Öffentlichkeit mit Interventionen und faktenbasierten Informationsveranstaltungen. Ende 1998 verlegte die DIG ihre Bundesgeschäftsstelle von Bonn nach Berlin. 2001 verlieh die Freundschaftsgesellschaft zum ersten Mal den „Friedenspreis der DIG“; 2003 rief die DIG-AG Hannover den „Theodor-Lessing-Preis für aufklärerisches Denken und Handeln“ ins Leben.
Das Jugendforum stellte sich 1996 nach einer Führungskrise neu auf und konnte mit neuem Elan Vortragsveranstaltungen, Seminare und Sommerlager realisieren. Die Beziehungen zur IDG traten aus organisatorischen und finanziellen Gründen zurück; die erhoffte Verjüngung und Verbreiterung der bilateralen Beziehungen ließ sich einstweilen nicht einlösen. Der Mitgliederbestand stagnierte Ende 2005 bei 4.800 Mitgliedern in 44 Arbeitsgemeinschaften.
2004 gelang es der Bundes-DIG, ihre Webseite freizuschalten, nachdem das Jugendforum und einzelne AGs bereits eigene Online-Auftritte auf den Weg gebracht hatten. Seit dem Frühsommer 2005 präsentiert sich das DIG-Magazin im Vierfarbdruck.
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2006–2015
Dekade 5: Polarisierungsjahre
Die fünfte Dekade war eine Zeit extremer Disruptionen: Nacheinander von drei Präsidenten gesteuert, erfreute sich die DIG spektakulärer Erfolge, durchlebte aber auch heftige Erschütterungen.
2008, im Jahr des 60. Geburtstags Israels, entfaltete die Freundschaftsgesellschaft zusammen mit ihren Arbeitsgemeinschaften mehr als 500 öffentlichkeitswirksame Jubiläumsaktivitäten. Ab 2009 erfuhren das DIG-Magazin und 2013 auch das Präsidium arbeitsorganisatorische Umstrukturierungen; zudem wurde die Webseite relaunched und mit den Arbeitsgemeinschaften verzahnt.
2013 setzte die DIG mit der deutsch-israelischen Kooperation „White City“ ein Leuchtturmprojekt zur Rettung zahlreicher Bauhaus-Objekte in Tel Aviv auf; 2015 folgte die prestigeträchtige Wanderausstellung „Israelis & Deutsche“, die in Israel mehr Beachtung finden sollte als in Deutschland. Zudem gelang es der DIG, ihre internationalen Kontakte, insbesondere zur IDG, aufzufrischen.
Durch Raketenangriffe der Hamas ausgelöste kriegerische Auseinandersetzungen mit Israel führten erneut zu antisemitischen Reaktionen in der Öffentlichkeit. Als Initiatorin israelsolidarischer Veranstaltungen blieb die DIG vom zunehmend israelpolitisch vereisten Klima nicht verschont und suchte den Schulterschluss mit potenziellen Bündnispartnern.
Nach einer Krise stellte sich das Jugendforum 2010 als „Junges Forum“ neu auf. Mit innovativen Formaten gelang es den Aktivistinnen und Aktivisten, junge Menschen über den DIG-Radius hinaus anzusprechen.
Ein anhaltender israelpolitischer Richtungsstreit überschattete die Arbeit der DIG. Zudem belasteten Auflagen, die mit der institutionellen Förderung durch das Auswärtige Amt seit 2012 einhergingen, das Verhältnis zwischen Bundesverband und Arbeitsgemeinschaften. Am Ende der Dekade überschritt die DIG dauerhaft die Schwelle von 5.000 Mitgliedern und fand ab 2015 über einen strukturellen Umbau aus der Krise.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Dekade 5
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2016–2025
Dekade 6: Neuanfänge in stürmischen Zeiten
Die sechste Dekade begann mit einer Neuaufstellung: Eine neue Satzung stellte den Arbeitsgemeinschaften 2016 frei, ob sie rechtlich selbstständig oder als unselbstständige AG der Bundes-DIG organisiert sein wollten.
Nach außen prägten Jubiläen und Bildungsarbeit das Bild: Zum 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels richtete die DIG 2018 in Berlin eine dreitägige Veranstaltung mit 7.000 Besucherinnen und Besuchern aus, das größte Fest ihrer Geschichte. Studierendenkonferenzen und Delegationsreisen erweiterten ihre Reichweite; die Corona-Pandemie verlagerte diese Arbeit ab 2020 weitgehend ins Digitale.
Politisch war die Dekade konfliktreich: Verschobene Regierungskonsultationen, die Abgrenzung gegen Gruppierungen am rechten Rand, der Streit um die „documenta 15“ und die israelischen Proteste gegen die geplante Justizreform forderten die DIG immer wieder zu Stellungnahmen heraus.
Der 7. Oktober 2023 wurde zur Zäsur. Israel ist seither ein anderes Land. Die Welt gerät aus den Fugen und wird an vielen Orten für Israel und für Jüdinnen und Juden zum existenziellen Problem. Auch die DIG war nun eine andere: Während sich das öffentliche Klima gegen Israel wendete, traten ihr Tausende Menschen bei, und die Forderung „Bring Them Home Now!“ bestimmte ihre Arbeit bis zur Rückkehr der letzten überlebenden Geiseln im Oktober 2025.
Im Jubiläumsjahr 2026 zählte die DIG erstmals mehr als 10.000 Mitglieder – doppelt so viele wie zu Beginn der Dekade.
Hier nachlesen: DIG-Magazin-Beitrag zur Dekade 6
„Wiedergutmachung“ in Deutschland:
Motive und Interessen
Israel wurde im Luxemburger Entschädigungsabkommen als die rechtmäßige Vertretung der Jüdinnen und Juden in der Welt anerkannt – völkerrechtlich ein bemerkenswerter Vorgang. Auch wenn sich für das Vertragswerk der Begriff der „Wiedergutmachung“ einbürgerte, war offensichtlich, dass die Verbrechen Nazi-Deutschlands nicht ungeschehen, also „wiedergutgemacht“ werden konnten. Zutreffend ist, dass sich Bundeskanzler Konrad Adenauer und andere frühe deutsche Akteure der Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes stellen wollten. Daraus leiteten sie eine moralische Verpflichtung zur materiellen Entschädigung der Überlebenden der Shoah ab – im Gegensatz zur DDR-Führung, die sich als vorgeblich „antifaschistischer Arbeiter- und Bauernstaat“ der Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit entzog. Neben der Sühne-Motivation ging es der westdeutschen Seite wesentlich um ihre internationale Rehabilitierung – nicht zuletzt wurde eine Integration in die westlich-demokratische Wertegemeinschaft mit ihren Institutionen angestrebt. Unerlässlich dafür sei eine glaubwürdige Verständigung mit der jüdischen Gemeinschaft und dem Staat Israel. Befremdlich war es, dass die moralischen und interessegeleiteten Motive auch von zeittypischen antisemitischen Projektionen überschattet wurden. Noch Jahre später drückte Adenauer seine Furcht vor „jüdische[n] Bankkreise[n]“ aus: „Die Macht der Juden“ solle „man nicht unterschätzen.“
NS-Hypotheken und der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961)
Die junge Bundesrepublik zögerte, sich mit ihrer belasteten Geschichte auseinanderzusetzen, die NS-Verbrechen aufzuklären oder wenigstens die Haupttäter zur Rechenschaft zu ziehen. 1960 setzte eine Debatte um die Verjährung von NS-Verbrechen ein – viele Israelis deuteten dies als ein Zeichen stillschweigender Rehabilitierung von NS-Verbrechern.
Vor diesem Hintergrund schlug im Mai 1960 die Nachricht von der Entführung Adolf Eichmanns, des ehemaligen Leiters des „Judenreferats“ im NS-Reichssicherheitshauptamt, hohe Wellen. Dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad war es mit der Festsetzung Eichmanns in Argentinien gelungen, einen der Hauptverantwortlichen der Shoah aufzuspüren und nach Israel zu bringen. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte den Israelis den entscheidenden Tipp gegeben – auch aus Sorge, die deutsche Justiz und Polizei könne Eichmann vor einem Zugriff abschirmen. Nachdem die Bundesregierung eine Auslieferung Eichmanns abgelehnt hatte, begann 1961 der Prozess in Jerusalem.
Die Berichterstattung um die Entführung sowie das monatelange Gerichtsverfahren mit zahlreichen Zeugen führten nicht nur der israelischen Gesellschaft, sondern der ganzen Welt das Ausmaß deutscher Massenverbrechen vor Augen. Der Eichmann-Prozess veranlasste viele Deutsche, sich zum ersten Mal mit der systematischen Ermordung der Jüdinnen und Juden auseinanderzusetzen, während deutsche Journalistinnen und Journalisten in Jerusalem über Eichmann, das israelische Rechtssystem und die Gesellschaft Israels aufklärten. Über die Reportagen der Deutschen und das innerdeutsche Echo informierten auch israelische Medien. So trug ausgerechnet der Eichmann-Prozess dazu bei, dass Deutsche und Israelis einander näherkamen.
Eine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik initiierte Ende der 1950er-Jahre Fritz Bauer; doch erst 1963 startete der sogenannte Auschwitz-Prozess. Zweifel blieben, ob die Bundesrepublik Lehren aus der NS-Geschichte gezogen hatte. Im März 1962 wurde die Beteiligung deutscher Techniker an der Entwicklung eines ägyptischen Raketenprogramms bekannt. Daraufhin forderte die Jerusalemer Regierung Bonn zur Rückführung der schon dem NS-Regime dienstbar gewesenen Wissenschaftler auf. Die Bundesregierung bedauerte die Aktivitäten der Raketenspezialisten, mochte aber – abgesehen von materiellen Anreizen zu ihrer Abwerbung – keine weiteren Schritte unternehmen.
Der lange Weg zur diplomatischen Anerkennung
Mitte der 1950er-Jahre erkannte Israel, dass die Bundesrepublik Deutschland ihre Verpflichtungen aus der „Wiedergutmachung“ verlässlich erfüllte. Gleichzeitig gelang es Israel nicht, seine Isolation im Nahen Osten zu überwinden. So keimte in israelischen Regierungskreisen der Wunsch auf, Beziehungen außerhalb der arabischen Welt zu vertiefen. 1957 forderte David Ben-Gurion die Bundesregierung erstmals auf, „normale diplomatische Beziehungen“ zu Israel aufzunehmen. Die Bundesrepublik zögerte, sah sie doch ihren Anspruch, ganz Deutschland vertreten zu wollen, in Gefahr. Jedem Staat, der die DDR völkerrechtlich anerkennen wollte, drohte die Bundesregierung mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen. Diese nach dem amtierenden Staatssekretär im Auswärtigen Amt benannte Hallstein-Doktrin ließ eine Aufnahme offizieller Beziehungen zu Israel als unvereinbar mit den deutschlandpolitischen Interessen der Bundesrepublik erscheinen, denn die arabischen Staaten hatten erklärt, das gute Verhältnis zur Bundesrepublik einfrieren und die DDR diplomatisch anerkennen zu wollen, sollte die Bundesregierung diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen. Als Ausweg nahmen Bonn und Jerusalem geheime Verhandlungen über eine militärische Zusammenarbeit auf. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und Staatssekretär Shimon Peres verabredeten Ende 1957 unter vier Augen erste Rüstungslieferungen („Panzer statt Diplomaten“).
Als sich Ben-Gurion und Adenauer 1960 in New York zum ersten Mal begegneten, widersetzte sich der Kanzler erneut dem Wunsch nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Zum Ausgleich verabredeten beide Politiker eine Verstetigung deutscher Wirtschaftshilfen und Rüstungslieferungen.
Die arabischen Staaten konnten sicher sein, dass die Bundesregierung keine offiziellen Beziehungen zu Israel aufnahm, solange sie die DDR nicht anerkannten. Diesen Kausalzusammenhang mochten Teile der deutschen Öffentlichkeit bald nicht länger hinnehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund startete im Oktober 1964 eine Unterschriften-Kampagne für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Als Medien daraufhin die deutschen Waffenlieferungen an Israel enthüllten, war die Empörung über den diskreten Rüstungsdeal groß, denn dieser hatte jahrelang als verborgenes Trostpflaster für die diplomatische Missachtung des jüdischen Staates gedient.
Ägyptens Staatspräsident Gamal Abdel Nasser reagierte auf die deutsche Militärhilfe für Israel auf seine Art und empfing im Februar 1965 den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zum Staatsbesuch. Spätestens jetzt war der westdeutsche Alleinvertretungsanspruch nicht mehr haltbar – und der Weg für eine diplomatische „Normalisierung“ frei. Am 12. Mai 1965 vereinbarten Bundeskanzler Ludwig Erhard und Ministerpräsident Levi Eshkol den Austausch von Botschaftern. Israel berief den in Wien geborenen Diplomaten Asher Ben-Natan zu seinem ersten Botschafter in Bonn; die Bundesrepublik entsandte den Diplomaten Rolf Pauls nach Israel. Pauls, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, war zu Beginn wütenden Protesten links- und rechtsgerichteter Israelis ausgesetzt, die er umsichtig meisterte. So wurde der deutsche Botschafter „mit Steinen empfangen“, doch am Ende „mit Rosen verabschiedet“. Auf vielen Feldern entwickelten sich die deutsch-israelischen Beziehungen bald in bemerkenswerter Weise.
Eine Welle der Solidarität: Der Sechstagekrieg von 1967
Im Zuge der Aufnahme diplomatischer Beziehungen entdeckten ab 1965 breite Kreise der bundesdeutschen Gesellschaft ihr Interesse an Israel und seinen Menschen. Immer häufiger reisten jetzt Deutsche in das unbekannte Land: als christliche Pilgerinnen und Pilger, politisch interessierte Beobachterinnen und Beobachter, Kibbuz-Volontärinnen und -Volontäre oder „nur“ als Touristinnen und Touristen. Die proisraelische Stimmung erreichte im Sechstagekrieg von 1967 einen Höhepunkt, als Israel arabische Vernichtungsdrohungen, militärische Aufmärsche und Seeblockaden am 5. Juni mit einem Präventivschlag beantwortete. Während Israels Existenz akut gefährdet schien, sympathisierten weite Teile der deutschen Gesellschaft mit dem jüdischen Staat. Es kam zu proisraelischen Demonstrationen und Spendensammlungen. Insbesondere die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags stellten sich an die Seite Israels. Doch selbst Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein zeigte sich besorgt: „Die arabischen Gegner wollten ihm [Israel] nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen. […] Soll Israel weiter in der Angst vor einem Überfall leben müssen, weiter unter dem Zwang, ständig zum Präventivkrieg gerüstet zu sein? […] Israel, der David unter den Völkern, soll leben!“
Im Namen der „Ausgewogenheit“: Abschied von der Solidarität mit Israel?
Während Teile der Linken schon kurz nach den israelischen Kriegserfolgen von 1967 die Fronten gewechselt und den jüdischen Staat nur noch als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ wahrgenommen hatten, zogen dunkle Wolken bald auch über die offiziellen Beziehungen herauf.
Der PLO gelang es Ende der 1960er-Jahre, das Interesse der Weltöffentlichkeit mithilfe gezielter Terroranschläge auf die Lage der Palästinenser zu lenken. 1972 wurde auch die Bundesrepublik vom Terror heimgesucht: Mitglieder des „Schwarzen September“, einer Untergruppe der PLO, ermordeten während der Olympischen Sommerspiele in München elf israelische Sportler. Als kurz darauf eine Lufthansa-Maschine in die Hände palästinensischer Entführer geriet, ließ die Bundesregierung im Gegenzug zur Freilassung der Passagiere die drei überlebenden Terroristen von München frei. Die israelische Öffentlichkeit war schockiert über das Nachgeben der deutschen Regierung. Die Stimmung verschlechterte sich, als im Zuge des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 die arabische Staatenwelt ihr Erdöl als politisches Mittel gegen die energiehungrige westliche Welt einsetzte. Unter der Wucht der „Öl-Waffe“ untersagte die Bundesregierung den USA, Waffen aus in Westdeutschland gelegenen US-Depots an das bedrängte Israel zu liefern. Der Eindruck drängte sich auf, dass das nahostpolitische Credo der „Ausgewogenheit“ zunehmend zulasten Israels erfolgte.
Ab 1974 konnte sich die PLO um ihren Vorsitzenden Jassir Arafat zunehmender internationaler Anerkennung erfreuen: Im Nachgang zu Arafats spektakulärem Auftritt vor der UNO-Vollversammlung im November des Jahres – „mit dem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand“ – erklärte sich der deutsche UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar mit dem „Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes“ solidarisch – unter Hinweis auf das ebenfalls nicht eingelöste Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in Ost und West. Damit brach die bundesdeutsche Diplomatie ein bis dahin in der westlichen Welt geltendes Tabu: Konnten die Israelis bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass die deutsche Politik aufgrund ihres geschichtlich bedingten Sonderverhältnisses zum jüdischen Staat im Zweifelsfall der israelischen Seite zugeneigt blieb, so war diese Geschäftsgrundlage nun zugunsten einer formal ausgewogenen deutschen Nahostpolitik aufgegeben.
Deutsch-israelische Beziehungen im Krisenmodus
Mitte der 1970er-Jahre geriet die Israel-Politik der Bundesrepublik angesichts ihrer überwiegend proarabisch eingestellten europäischen Nachbarn zunehmend ins Schlingern – insbesondere nach dem Wahlsieg des nationalkonservativen Likud-Blocks von Menachem Begin im Mai 1977. Während die Bundesregierung in den Gremien der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft um eine Israel zugewandte „Neutralität“ bemüht war, signalisierte 1979 der Handschlag des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky mit dem Palästinenserführer Jassir Arafat in Wien eine Neuorientierung. Immer drängender forderten jetzt politische Kreise, die deutsche Solidarität mit Israel müsse auch eine moralische Mitverantwortung für die Palästinenser als den vermeintlich „sekundären Opfern der deutschen Judenpolitik“ einschließen. Demgegenüber fiel der 1977 begonnene israelisch-ägyptische Entspannungsprozess („Land gegen Frieden“) in der öffentlichen Wahrnehmung weniger ins Gewicht, da Arabische Liga und PLO vehement gegen den angeblichen „Separatfrieden“ agitierten.
Auf einen Tiefpunkt steuerte das deutsch-israelische Verhältnis im Frühjahr 1981 zu, als Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ministerpräsident Menachem Begin aneinandergerieten: Nach einer Saudi-Arabien-Reise hatte Schmidt auf eine Reihe europäischer Völker verwiesen, deren Leiden im Zweiten Weltkrieg bis heute eine moralische Last für die deutsche Außenpolitik darstellten, ohne auch nur mit einem Wort auf das Leiden der Jüdinnen und Juden in der Shoah einzugehen. Zudem bescheinigte der Kanzler dem palästinensischen Volk einen „moralischen Anspruch auf Selbstbestimmung“, während er in Israel eine „Tragödie griechischen Ausmaßes“ heraufziehen sah. Begin verwahrte sich gegen Schmidts „Arroganz“ und spielte auf dessen Rolle als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg an, von dem man nicht wisse, „was er mit den Juden an der Ostfront getan“ habe. Die Schmidt-Begin-Kontroverse führte dazu, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Mehrheit der Deutschen im Nahostkonflikt auf die arabisch-palästinensische Seite stellte. Der politische Kern der persönlichen Fehde beruhte auf den Absichten Schmidts, Panzer des Typs „Leopard II“ nach Saudi-Arabien zu liefern. Vor dem Hintergrund internationaler und innenpolitischer Proteste wies die Bundesregierung im Frühjahr 1982 die saudischen Lieferwünsche einstweilen zurück.
Neue Belastungsproben für die deutsch-israelischen Beziehungen entstanden, als sowohl „rechte“ wie „linke“ Akteurinnen und Akteure eine Neigung zur Schlussstrich-Mentalität zeigten. Der Auftritt von Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 in Israel, der für sich die „Gnade der späten Geburt“ reklamiert hatte, erweckte den Eindruck, als ob sich die deutsche Politik von der Verantwortung für die Lasten der Vergangenheit verabschieden wolle. Für Befremden sorgten auch Besuche von grünen Politikerinnen und Politikern, weil sie Israel in belehrender Weise zu einer anderen Haltung im Nahostkonflikt aufforderten, ohne die besondere Geschichte und Sicherheitslage des Staates in Betracht zu ziehen. In heftigen Debatten stritten Parteien und Öffentlichkeit darüber, wie eine historisch-moralisch angemessene Haltung zur deutschen NS-Vergangenheit und zu notwendigen Schlussfolgerungen für die Gegenwart auszusehen hätte. Wegweisend wurde dabei unter anderem die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985, der als erstes deutsches Staatsoberhaupt öffentlich bekannte, dass am 8. Mai 1945 auch die Deutschen vom Nationalsozialismus „befreit“ worden seien.
„Frieden für Galiläa“: Der Libanonkrieg 1982 und seine Folgen
Im Juni 1982 überschritt die israelische Armee die libanesische Grenze, um die PLO zu zerschlagen, die nach ihrer Vertreibung aus Jordanien ihre terroristischen und politischen Aktivitäten in den Libanon verlegt und von dort aus regelmäßig Israel angegriffen hatte. Der Einmarsch, dem sich verändernde Kriegsziele folgten, endete nach einer wochenlangen Belagerung West-Beiruts im September 1982 mit dem Abzug der PLO-Führung nach Tunis. Der Krieg stieß weltweit, auch in Israel, auf Unverständnis und Kritik. Insbesondere das im September von christlich-libanesischen Milizen verübte Massaker in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern führte zu Diskussionen über eine Mitverantwortung der israelischen Armee. Die Berichterstattung auch deutscher Medien blieb nicht frei von antisemitisch motivierten Ausfällen gegen einen angeblichen „umgekehrten Holocaust“. Verteidigungsminister Ariel Scharon wurde 1983 im Rahmen der umfassenden Analyse einer unabhängigen israelischen Untersuchungskommission der „fahrlässigen Unterlassung“ bezichtigt und musste zurücktreten.
Deutsch-israelische Beziehungen zwischen Irritation und Beruhigung
In den 1980er-Jahren wurde deutlich, dass es aus den Widersprüchen des deutsch-israelisch-palästinensischen Dreiecks kein Entrinnen gab: Jede politisch-strategische Positionierung musste aus jeweils guten Gründen entweder die israelische Regierung oder palästinensische Führungskreise verärgern. Hin- und hergerissen zwischen moralischen Verpflichtungen und wirtschaftlich-strategischen Interessen in der Region vermied die christlich-liberale Regierung Helmut Kohls im Nahostkonflikt jede politische Festlegung; vielmehr richtete sie ihren Fokus auf die Stabilisierung der fragilen Verhältnisse in der Region. Dennoch konnte sie das Misstrauen der Israelis gegenüber den sozialliberalen Vorgängerregierungen einhegen. Unter dem Schutzschirm einer wichtiger werdenden europäischen Außenpolitik verlegte sich die deutsche Nahostpolitik fortan auf eine Gangart der leisen Töne.
Der Ausbruch der sogenannten Ersten Intifada (arabisch „Aufstand“) im Dezember 1987, ein teils gewaltsamer Aufstand der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen gegen die israelische Kontrolle über die Gebiete, lenkte den Blick weltweit auf die Lage der Palästinenser. Israels Versuche, den „Krieg der Steine“ und Molotowcocktails, flankiert von großflächigen Generalstreiks, mit repressiven Mitteln zu beenden, riefen auch in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und Politik kritische Reaktionen hervor und trugen zu einer Imageverschlechterung Israels bei. Gleichwohl wuchs im Zuge der Intifada auch in Israel die Einsicht in die Dringlichkeit einer politischen Verständigung mit den Palästinensern.
Der gesamtdeutsche Vereinigungsprozess 1989/90 löste in Israel nicht nur Freude, sondern auch Ängste aus: Die Welle fremdenfeindlicher Gewaltausbrüche, die insbesondere den Osten Deutschlands erschütterten, schien die Skepsis zu bestätigen. Während sich die israelische Bevölkerung gelassen zeigte, waren die politischen Eliten alarmiert und wähnten, so Ministerpräsident Jitzchak Schamir, eine „tödliche Gefahr für die Juden“. Doch nach einigen vertrauensbildenden Maßnahmen – darunter fielen die Anerkennung der polnischen Westgrenze und eine gemeinsame Israelreise der Parlamentspräsidentinnen Rita Süssmuth und Sabine Bergmann-Pohl – waren im Sommer 1990 die meisten Israelis bereit, inmitten eines freien Europas auch die Chancen eines vereinten Deutschlands zu akzeptieren.
Gleichwohl förderte der Golfkrieg im Januar 1991 zutage, wie labil das deutsch-israelische Verhältnis noch immer war: Als bekannt wurde, dass gegen Israel gerichtete, möglicherweise mit Giftgas ausgestattete, irakische Scud-Raketen mit deutscher Expertenhilfe „verbessert“ worden waren, stellte sich bei nicht wenigen Israelis die Gedankenverbindung „Deutsche – Gas – Juden“ ein. Aufmerksam wurde vermerkt, dass die deutsche Justiz erst aufgrund journalistischer Recherchen gegen die Verantwortlichen der illegalen Rüstungsexporte vorzugehen begann. Auch die Friedensdemonstrationen in Deutschland gegen das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten im Irak weckten Misstrauen: Aus israelischer Sicht übersahen sie die Lage der von irakischen Raketen angegriffenen Menschen in Israel. Die israelische Verstimmung konnte auch nicht durch die Scheckbuch-Diplomatie von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher aus der Welt geschafft werden, der das Land noch während des Krieges besuchte, um deutsche Wiederaufbauhilfe für die Raketenschäden anzubieten.
Aus dem Dilemma ihrer Nahostpolitik konnte sich die Bundesrepublik erst nach der „Wiedervereinigung“ und dem Abflauen der Ersten Intifada 1991 befreien – durch den Osloer Friedensprozess, der 1993 erstmals zu Direktverhandlungen zwischen Israel und der PLO als der anerkannten Vertretung der Palästinenser führte. Anfängliche Erfolge gerieten 1995 angesichts anhaltender Anschläge palästinensischer Extremisten sowie der Ermordung von Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin durch einen jüdischen Fanatiker immer mehr ins Stocken.
Nach dem Ende des Friedensprozesses: israelkritische und antisemitische Verhärtungen
Nach den Wahlen in Israel 1996 stellte der rechtskonservative Likud erneut die Regierung. Sowohl die Zweite Intifada (2000–2005), der stetige Machtzuwachs der islamistischen Terrororganisation Hamas in der palästinensischen Gesellschaft als auch die Intensivierung der israelischen Siedlungspolitik zerstörten das Vertrauen auf beiden Seiten. Daran konnte 1999 auch der Wahlsieg des Sozialdemokraten Ehud Barak nichts Substanzielles mehr ändern. Nachdem im Sommer 2000 ein Treffen auf Regierungsebene zwischen Israel und der PLO in den USA (Camp David II) ergebnislos abgebrochen wurde, war der Osloer Friedensprozess endgültig gescheitert.
Unruhen, blutige Terroranschläge und militärische Operationen in der Zweiten Intifada lösten auch in Deutschland harsche Reaktionen aus. Mancherorts sahen sich Politikerinnen und Politiker bemüßigt, ihre angebliche frühere „Zurückhaltung“ gegenüber Israel aufzugeben: So fühlte sich der CDU-Politiker Norbert Blüm 2002 angesichts der israelischen Antiterror-Bekämpfung an das NS-Regime erinnert und warf dem Land einen „Vernichtungskrieg“ gegen „die Palästinenser“ vor. Der FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann zeigte offen Verständnis für die Selbstmordkommandos palästinensischer Terroristen gegen den vermeintlichen „Staatsterrorismus“ Israels. In einem Flugblatt setzte er seine Sicht des Nahostkonflikts als Argument im nordrhein-westfälischen Bundestagswahlkampf ein – dabei wurden zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte ein Israeli (Ariel Scharon) und ein deutscher Jude (Michel Friedman) zur gemeinsamen Zielscheibe in einem Wahlkampf.
Das Europäische Parlament drohte im Frühjahr 2004, das Assoziierungsabkommen mit Israel aufzukündigen, wenn das Land mit der gezielten Tötung palästinensischer Terroristen fortfahre. Zudem unterstützten die EU-Staaten noch im selben Jahr eine Resolution der UNO-Vollversammlung mit der Forderung an Israel, die im Bau befindlichen Sperranlagen abzureißen, die teilweise jenseits der Grünen Linie im Westjordanland verlaufen. Allerdings musste Marc Otte, EU-Sonderbeauftragter für den Nahost-Friedensprozess (2003–2011), später einräumen, dass die Sperranlage palästinensische Extremisten davon abhalte, Selbstmordanschläge in Israel zu verüben.
Die Rolle der Medien
Wirtschaftliche Aufbauleistungen, multikulturelle Herausforderungen sowie künstlerische und andere zivile Potenziale Israels hatten in der vierten Dekade in der Berichterstattung deutscher Medien Seltenheitswert. So blieben sportliche Ereignisse, die enormen Integrationsleistungen bei der Aufnahme großer Einwanderungswellen und selbst die israelische Hightech-Szene weitgehend unbeachtet.
Das mediale Interesse richtete sich zwischen 2000 und 2004 auf terroristische Selbstmordanschläge in israelischen Bussen und Restaurants, die angeblich palästinensischer Verzweiflung geschuldet waren. Als „Täter“ wurden vor allem „die Israelis“ bezichtigt, deren Versuche, den Terror militärisch zu bekämpfen, mitunter auch Unschuldige trafen. Im Fokus der Berichterstattung standen aber nicht nur militärische Einsätze Israels, sondern auch israelische Siedlungsaktivitäten im Westjordanland. Sie waren als Nachrichten „zugkräftiger“ als differenzierte Lageberichte – sie generierten Schlagzeilen und sorgten für hohe Einschaltquoten. So entbrannte in Teilen der Öffentlichkeit eine heftige Diskussion, inwieweit einseitige und überzogene Formen der Israelkritik antisemitische Tendenzen widerspiegelten, verstärkten oder gar auslösten: Manche Journalistinnen und Journalisten vermischten den politischen Konflikt im Nahen Osten, bewusst oder unbewusst, mit antijüdischen Klischees. Sie trugen dazu bei, dass jahrzehntelange Bemühungen der Aufarbeitung judenfeindlicher Stereotype zunichte gemacht wurden. In der Bevölkerung schlummernde antisemitische Ressentiments drohten wieder einmal reaktiviert und auf „die Israelis“ projiziert zu werden.
Zwischen Geschichtsbewusstsein und Unwissenheit
50 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen reiste Israels Staatspräsident Ezer Weizman im Januar 1996 zum Staatsbesuch nach Deutschland. Höhepunkt war eine Rede im Bundestag, in der Weizman den Bogen der Jahrtausende alten Geschichte Israels bis ins Heute spannte: „Erst 200 Generationen sind vergangen, seit ein Mensch namens Abraham aufstand, sein Land und seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das heute mein Land ist. Erst 200 Generationen sind vergangen, seit Abraham die Machpelah-Höhle in der Stadt Hebron kaufte, bis zu den schweren Konflikten, die sich dort in meiner Generation abspielten. Erst 150 Generationen sind seit der Feuersäule des Auszugs aus Ägypten bis zu den Rauchsäulen der Shoah vergangen. Und ich, Nachkomme Abrahams im Lande Abrahams, war überall mit dabei.“
Weizmans geschichtsmetaphysische Rede stand in krassem Gegensatz zu Tendenzen des Vergessens im vereinten Deutschland. Eine Befragung unter 3.000 Hamburger Schülerinnen und Schülern hatte kurz vorher ergeben, dass 59 Prozent Israel für eine „Monarchie“ oder eine „Militärdiktatur“ hielten. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts vermochte 1997 jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren mit „Auschwitz“ nichts anzufangen.
Bundespräsident Johannes Rau sprach im Februar 2000 als erster deutscher Politiker im israelischen Parlament zu den Abgeordneten in deutscher Sprache – eine Entscheidung der israelischen Seite, die nicht unumstritten war. „Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte.“ Parlamentspräsident Avraham Burg bezeichnete Rau als „größten Freund Israels“.
Bekenntnis zur Staatsräson: Die deutsch-israelischen Beziehungen im Realitätscheck
Trotz aller historischen und aktuellen Spannungsfelder bilden die Beziehungen zum Staat Israel eine der tragenden Säulen der deutschen Außenpolitik. Diese Maxime stand auch in dieser Dekade auf dem Prüfstand. Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstrich 2008 in ihrer Rede vor dem israelischen Parlament in Jerusalem: „Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“
Tatsächlich haben Deutsche und Israelis im Laufe der Jahrzehnte ein enges Beziehungsnetz geknüpft. Israel ist Deutschlands größter Handelspartner im Nahen Osten. Hunderte deutscher Städte und Landkreise, Wissenschafts- und Kultureinrichtungen sowie Schulen und Vereine unterhalten Kooperations- und Austauschprojekte mit israelischen Partnern.
Trotz anhaltender Meinungsunterschiede wegen der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und der Risikobewertung iranischer Nuklearaktivitäten bekräftigten beide Seiten immer wieder ihre Solidarität und Partnerschaft. Sie unterzeichneten ein Abkommen über Ghetto-Renten, einigten sich auf eine konsularische Vertretung israelischer Bürgerinnen und Bürger in Ländern ohne israelische Repräsentanz, brachten neue Jugendaustauschprogramme und befristete Arbeitsvisa sowie hochtechnische Wasserprojekte auf den Weg. Zum Schutz seiner Gasfelder im Mittelmeer bestellte Israel 2014 drei deutsche Raketenschnellboote. Deutschland erließ den Israelis ein Drittel der Gesamtkosten.
Gleichwohl entstanden im Zuge des immer wieder eskalierenden Nahostkonflikts öffentliche Debatten, in denen sich legitime Kritik an der Politik Israels, etwa an der Besatzungspolitik im Westjordanland, mit antisemitischen Ressentiments vermischte. So wurde das deutsch-israelische Verhältnis zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf eine Weise asymmetrisch, wie man es zuvor nicht für möglich gehalten hätte: Während die Mehrzahl der Israelis ein überwiegend positives Deutschlandbild entwickelt hatte, bekannte sich nach dem Ende des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses nur noch ein gutes Drittel der Deutschen zu einem positiven Israelbild. Während sich viele Deutsche von Israel abwandten, war das früher negative Image der Deutschen in der israelischen Öffentlichkeit ausgeprägten Sympathien gewichen. Ob es um Autos, Fußball oder um deutsche Kultur ging – unter Israelis gab es besonders in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts einen regelrechten „Deutschland-Hype“.
Verhärtungen in Nahost – schiefe Reaktionen in Deutschland
2005 löste Israel alle jüdischen Siedlungen im Gazastreifen sowie vier weitere Ortschaften im Norden des Westjordanlands auf. Doch ein neuer Friedensprozess kam nicht zustande. Bei Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten siegte 2006 die islamistische Hamas; sie schaltete die Fatah im Gazastreifen gewaltsam aus und übernahm dort 2007 die Macht. Fortan beschoss die Terrororganisation Israel regelmäßig mit Raketen, was immer wieder in militärische Auseinandersetzungen mündete. Bemühungen, den Friedensprozess wieder in Gang zu setzen, scheiterten regelmäßig.
Im Frühjahr 2010 organisierte ein Bündnis aus linksradikalen internationalen und türkisch-islamistischen Aktivistinnen und Aktivisten eine aus sechs Schiffen bestehende Flotte, um die Menschen im Gazastreifen mit „Hilfsgütern“ zu beliefern. Die selbsternannten „Friedensaktivistinnen und Friedensaktivisten“, darunter auch prominente Mitglieder der Linkspartei, wollten die Seeblockade brechen, die Israel nach der Machtübernahme der Hamas eingerichtet hatte – auch in der Absicht, Israel durch die symbolische Protestaktion öffentlichkeitswirksam ins Unrecht zu setzen. Erwartungsgemäß enterte die israelische Marine die sechs Schiffe. Doch bei Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Aktivisten und israelischen Soldaten auf dem Schiff Mavi Marmara wurden neun Aktivisten getötet und sieben israelische Soldaten verletzt.
Zeitweise war mehr als die Hälfte aller Deutschen der Auffassung, Israel behandle die Palästinenserinnen und Palästinenser ähnlich grausam wie die Nazis die europäischen Jüdinnen und Juden. Die Hintergründe des ungleichen Krieges zwischen der terroristischen Hamas und Israel – etwa die inmitten ziviler Einrichtungen lancierten Raketenangriffe auf israelische Bevölkerungszentren, die die israelischen Militärs zu „unverhältnismäßig“ anmutenden Gegenschlägen veranlassten – wurden hierzulande vielfach mit Unverständnis aufgenommen. Wann immer die israelische Armee gegen die Infrastruktur palästinensischer Raketenangriffe vorging, vermittelten Schlagzeilen und Kommentare Bilder eines angeblich „biblischen Krieges“: „Auge um Auge“, „Vergeltungsschläge“ und „alttestamentarische Racheaktionen“ – reflexhaft tauchten die alten Klischees des christlichen Antijudaismus wieder auf. Während große Teile der gesellschaftlichen Mitte auf Distanz zu Israel gingen, protestierten islamistische sowie rechts- und linksgerichtete Demonstrantinnen und Demonstranten gegen den vermeintlichen „Aggressor“-Staat Israel und verbreiteten unter anderem antisemitische Parolen.
























































