Verhärtungen in Nahost – schiefe Reaktionen in Deutschland
2005 löste Israel alle jüdischen Siedlungen im Gazastreifen sowie vier weitere Ortschaften im Norden der Westbank auf. Doch ein neuer Friedensprozess kam nicht zustande. Bei Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten siegte 2006 die islamistische Hamas; sie schaltete die Fatah im Gazastreifen gewaltsam aus und übernahm dort 2007 die Macht. Fortan beschoss die Terrororganisation Israel regelmäßig mit Raketen, was immer wieder in militärische Auseinandersetzungen mündete. Bemühungen, den Friedensprozess wieder in Gang zu setzen, scheiterten regelmäßig.
Im Frühjahr 2010 organisierte ein Bündnis aus linksradikalen internationalen und türkisch-islamistischen Aktivistinnen und Aktivisten eine aus sechs Schiffen bestehende Flotte, um die Menschen im Gazastreifen mit „Hilfsgütern“ zu beliefern. Die selbsternannten „Friedensaktivistinnen und Friedensaktivisten“, darunter auch prominente Mitglieder der Linkspartei, wollten die Seeblockade brechen, die Israel nach der Machtübernahme der Hamas eingerichtet hatte – auch in der Absicht, Israel durch die symbolische Protestaktion öffentlichkeitswirksam ins Unrecht zu setzen. Erwartungsgemäß enterte die israelische Marine die sechs Schiffe. Doch bei Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Aktivisten und israelischen Soldaten auf dem Schiff Mavi Marmara wurden neun Aktivisten getötet und sieben israelische Soldaten verletzt.
Zeitweise war mehr als die Hälfte aller Deutschen der Auffassung, Israel behandle die Palästinenserinnen und Palästinenser ähnlich grausam wie die Nazis die europäischen Jüdinnen und Juden. Die Hintergründe des ungleichen Krieges zwischen der terroristischen Hamas und Israel – etwa die inmitten ziviler Einrichtungen lancierten Raketenangriffe auf israelische Bevölkerungszentren, die die israelischen Militärs zu „unverhältnismäßig“ anmutenden Gegenschlägen veranlassten – wurden hierzulande vielfach mit Unverständnis aufgenommen. Wann immer die israelische Armee gegen die Infrastruktur palästinensischer Raketenangriffe vorging, vermittelten Schlagzeilen und Kommentare Bilder eines angeblich „biblischen Krieges“: „Auge um Auge“, „Vergeltungsschläge“ und „alttestamentarische Racheaktionen“ – reflexhaft tauchten die alten Klischees des christlichen Antijudaismus wieder auf. Während große Teile der gesellschaftlichen Mitte auf Distanz zu Israel gingen, protestierten islamistische sowie rechts- und linksgerichtete Demonstrantinnen und Demonstranten gegen den vermeintlichen „Aggressor“-Staat Israel und verbreiteten unter anderem antisemitische Parolen.
