Im Namen der „Ausgewogenheit“: Abschied von der Solidarität mit Israel?
Während Teile der Linken schon kurz nach den israelischen Kriegserfolgen von 1967 die Fronten gewechselt und den jüdischen Staat nur noch als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ wahrgenommen hatten, zogen dunkle Wolken bald auch über die offiziellen Beziehungen herauf.
Der PLO gelang es Ende der 1960er-Jahre, das Interesse der Weltöffentlichkeit mithilfe gezielter Terroranschläge auf die Lage der Palästinenser zu lenken. 1972 wurde auch die Bundesrepublik vom Terror heimgesucht: Mitglieder des „Schwarzen September“, einer Untergruppe der PLO, ermordeten während der Olympischen Sommerspiele in München elf israelische Sportler. Als kurz darauf eine Lufthansa-Maschine in die Hände palästinensischer Entführer geriet, ließ die Bundesregierung im Gegenzug zur Freilassung der Passagiere die drei überlebenden Terroristen von München frei. Die israelische Öffentlichkeit war schockiert über das Nachgeben der deutschen Regierung. Die Stimmung verschlechterte sich, als im Zuge des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 die arabische Staatenwelt ihr Erdöl als politisches Mittel gegen die energiehungrige westliche Welt einsetzte. Unter der Wucht der „Öl-Waffe“ untersagte die Bundesregierung den USA, Waffen aus in Westdeutschland gelegenen US-Depots an das bedrängte Israel zu liefern. Der Eindruck drängte sich auf, dass das nahostpolitische Credo der „Ausgewogenheit“ zunehmend zulasten Israels erfolgte.
Ab 1974 konnte sich die PLO um ihren Vorsitzenden Jassir Arafat zunehmender internationaler Anerkennung erfreuen: Im Nachgang zu Arafats spektakulärem Auftritt vor der UNO-Vollversammlung im November des Jahres – „mit dem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand“ – erklärte sich der deutsche UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar mit dem „Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes“ solidarisch – unter Hinweis auf das ebenfalls nicht eingelöste Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in Ost und West. Damit brach die bundesdeutsche Diplomatie ein bis dahin in der westlichen Welt geltendes Tabu: Konnten die Israelis bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass die deutsche Politik aufgrund ihres geschichtlich bedingten Sonderverhältnisses zum jüdischen Staat im Zweifelsfall der israelischen Seite zugeneigt blieb, so war diese Geschäftsgrundlage nun zugunsten einer formal ausgewogenen deutschen Nahostpolitik aufgegeben.
